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Mitbestimmung aktiv leben – auf Augenhöhe die Zukunft mitgestalten

20. Mai 2022, von Sven Burat

„Auf Augenhöhe“ – klingt gut und ist leicht dahingesagt. In der betrieblichen Mitbestimmung hat es aber eine besondere Bedeutung. Denn die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretung ist nicht zwangsläufig auf Augenhöhe, sondern muss meistens erst aufgebaut werden. Was bedeutet „auf Augenhöhe“ denn genau?

In meinem Verständnis bedeutet es zum einen, selbstbewusst die eigenen Interessen zu vertreten und zum anderen, offen für konstruktive Ergebnisse zu sein. Dies auf eine Zusammenarbeit zu übertragen, bedarf der sorgfältigen Pflege der Beziehungen und Ziehen von Grenzen. Und das in einer Welt, in der Digitalisierung, Klimaschutz, Demografiewandel sowie die Globalisierung (und leider auch wieder kriegerische Auseinandersetzungen und deren Konsequenzen) bei den Veränderungen in Betrieben die größten Treiber sind.

Diese vielfältigen Veränderungen werden oft als Transformation bezeichnet. Doch was bedeutet Transformation für Unternehmen und für die Betriebsratsarbeit?

Gern stelle ich Ihnen diese vor.

Die Transformation in den Unternehmen

Seit einigen Jahren verspüren wir einen enormen Veränderungsprozess in vielen Bereichen unsere Gesellschaft:

Digitalisierung → Industrien 4.0, Künstliche Intelligenz, Plattformökonomie
Demografie → Altersstruktur, Wissenstransfer und Gesundheit
Klimaschutz → Kohleausstieg und Dekarbonisierung
Globalisierung → Entgrenzung von Ort und Zeit der Arbeitsleistung, neue Wertschöpfungsketten und Märkte

Doch was unterscheidet die aktuelle Transformation von vorangegangenen Veränderungsprozessen?

Die Besonderheit der Transformation ist, dass alle Treiber gleichzeitig und ineinander verzahnt mit einer sehr hohen Geschwindigkeit wirken. Somit stellt die Transformation Unternehmen und damit auch Betriebsräte vor enorme Herausforderungen. Die Handlungsnotwendigkeit erhöht sich. Flexibilität wird in einem Ausmaß gefordert, das Arbeitgeber und Arbeitnehmer an die Grenzen der Kreativität bringt.

Die gute Nachricht: Obwohl der Veränderungsdruck eine neue Dynamik entwickelt hat – immer schneller, höher, weiter – sind die stetige Veränderung, Optimierung und Weiterentwicklung seit jeher die Stärken unserer Kolleginnen und Kollegen in der Industrie und den Unternehmen in Deutschland. Egal, welche Krise zu welchen Anpassungen und Veränderungen führte, die Betriebsräte haben sich immer stark gemacht für den Arbeitsplatzerhalt. Auch unter schwierigen gesellschaftlichen Anforderungen.

Zwei aktuelle Beispiele aus den letzten zwei Jahren: Veränderungen durch die Finanzkrise sowie die Pandemie wurden gemeinsam durch eine Vielzahl tragfähiger Vereinbarungen, die Betriebsräte mitgestaltet haben, für Unternehmen und Arbeitnehmer erträglich gestaltet.

Eine besondere Herausforderung ist der Faktor Zeit: die Einschläge Veränderungen kommen häufiger und auch heftiger. Transformationen sind quasi anhaltend und kaum noch sauber voneinander abgeschlossen, Zeit für ein Durchatmen bleibt wenig.

Betriebliche Mitbestimmung ist die Grundlage und die Voraussetzung, „gute Arbeit“ in überlagernden Veränderungsprozesse im Betrieb sicherzustellen. Wenn ich von guter Arbeit spreche, meine ich, dass die Tätigkeiten am Arbeitsplatz, die Gesundheit und Lebensqualität fördern und dass jeder seine Fähigkeiten bestmöglich einbringen und entwickeln kann.

Doch wie können Betriebsräte sich aktiv in überlagernden Veränderungsprozesse einbringen?

Einerseits natürlich durch Nutzung der gesetzlichen Möglichkeiten – das ist eine eher einseitige, aber rechtssichere Variante. Doch dieser Weg allein ist heute nicht mehr ausreichend. Betriebsräte müssen heute die Visionäre für das Morgen sein. Sie müssen einen Schritt voraus denken, sich proaktiv in die Gestaltung einbringen, anstatt nur reaktiv zu agieren.

Themen, mit denen sich ein Betriebsrat vorab beschäftigten und erste Antworten – zumindest in Ansätzen parat haben sollte sind:

  • Leistungsverdichtung aufgrund von Fachkräftemangel oder Optimierung von betrieblichen Prozessen
  • Schutz der persönlichen Daten und Überwachung
  • Lösungen bei disruptiver Veränderung von Technologien
  • Gesundheitsfördernde Arbeit im Zusammenhang der Altersstruktur

Und das idealerweise bevor diese Themen im Unternehmen diskutiert werden. Das bedeutet, dass Betriebsräte nicht mehr nur in Sozialplänen die Nachteile von Transformationen sozial mildern sollen. Betriebsräte müssen aktiv, frühzeitig und kreativ mit beschäftigungssichernden Maßnahmen an der Transformation beteiligt werden und sich beteiligen. Und das schon von Anfang an. Einige Arbeitgeber sehen darin den Willen, dass Betriebsräte in unternehmerische Entscheidungen eingreifen und zögern oft eine rechtzeitige und vertrauensvolle Kommunikation hinaus. Sie unterschätzen, dass Betriebsräte und Vertrauensleute – die eigenen Mitarbeitenden – sehr gut wissen, wo im Unternehmen Potenziale nicht genutzt werden – und wo das Unternehmen für eine Optimierung ansetzen könnte.

Was wir benötigen, ist eine „Allianz der Arbeit“ für Innovationen und Zukunft im Unternehmen. Welche Möglichkeiten Betriebsräte nutzen können, möchte ich gern in meinem Vortrag „Aktive betriebliche Mitbestimmung- auf Augenhöhe in die Zukunft blicken“ auf den Münchner Betriebsratstagen 2022 vertiefen und mit Ihnen diskutieren.

Kurzprofil Sven Burat:

Sven Burat berät als Consultant für Workforce Transformation bei von Rundstedt Unternehmen und Betriebsräte bei Personalveränderungsprozessen. Dafür greift der erfahrene Experte auf 25 Jahre Berufs- und Beratererfahrung als Betriebsrat- und gewerkschaftliche Interessenvertretung bei der Siemens AG und Nokia Networks and Solutions GmbH & Co KG zurück. Seit 1983 ist er Mitglied der IG Metall und Mitbegründer des Netzwerkes der IG Metall „Innovation & Arbeit“ in Leipzig.

Kurzvorstellung von Rundstedt:

von Rundstedt ist einer der führenden Experten für Personalveränderungen im Rahmen umfangreicher Transformations-Prozesse sowie der deutsche Marktführer im Outplacement. Bereits seit über 35 Jahren hält das Familienunternehmen, das in zweiter Generation von Sophia von Rundstedt geführt wird und rund 390 Mitarbeiter beschäftigt, seine Stellung am Markt. Die Workforce Transformation-Experten befähigen Organisationen, ihre Personalveränderungen smart, verantwortungsvoll und zukunftssicher zu gestalten. Das Full-Service-Angebot erstreckt sich auf die Bereiche Workforce Planning, Mobilisierung, Qualifizierung, Beschäftigtentransfer sowie die Karriereberatung im Rahmen der beruflichen Neuorientierung. Als strategischer Partner unterstützt von Rundstedt seine Kunden von der Konzeption bis zur Umsetzung aller Maßnahmen und übernimmt das komplette Projektmanagement.

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